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Wissenswertes aus und über Kirchseeon

Oktober 2020
Unsachgemäß ohne Rückflußsperre angeschlossener Hydrant in Eglharting
Unsachgemäß ohne Rückflußsperre angeschlossener Hydrant in Eglharting

(Un)bezahlbares Trinkwasser?

Verschrotten Sie Ihr Auto und kaufen ein neues, sobald die erste Reparatur droht? Oder sind Sie reich wie Dagobert Duck und können es sich leisten, Ihr Haus - noch bevor es abbezahlt ist - abzureißen und ein neues zu bauen? Wohl kaum und auch die sprichwörtliche schwäbische Hausfrau käme nicht auf solche Ideen, weil sie jeden Euro zweimal umdreht. Wie schwierig sparsames und wirtschaftliches Handeln aber manchmal sein kann, zeigt der folgende Fall.

Im Frühjahr dieses Jahres behauptete der kaufmännische Leiter des Wasserwerks Kirchseeon in einer Sitzungsvorlage an den Marktgemeinderat, dass eine Erneuerung einer ca. 800 m langen PVC-Leitung DN250 aus dem Jahr 1984 vom Hochbehälter zum Mühlweg erforderlich wäre, weil "sich im Laufe der Jahrzehnte der Weichmacher auflöst und somit die Leitung brüchig wird". Voraussichtliche Kosten: 325.000 EUR

Sowohl der Marktgemeinderat wie der Werkausschuss gaben grünes Licht für die weitere Planung. Eine Anfrage beim Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches e.V. (DVGW), der Fachorganisation für alle Fragen der Versorgung mit Trinkwasser, ergab aber: in Deutschland wurden Wasserleitungsrohre seit jeher nur aus weichmacherfreiem PVC-U produziert. Die behauptete Versprödung durch "Auflösung" solcher Weichmacher ist daher physikalisch und chemisch unmöglich.

Damit konfrontiert, räumte der frühere Bürgermeister Ende April ein, dass die Aussage mit den Weichmachern falsch gewesen sei. Gleichzeitig aber wurde behauptet, dass es bei "anderen Wasserversorgern wiederholt und mehrmals jährlich zu Rohrbrüchen von PVC-Leitungen gekommen" sei. Wassermeister H. hätte hierzu von vier Wasserversorgern entsprechende Aussagen eingeholt. "Die Ursache sei für alle angefragten Wasserversorger unklar. Eine Theorie liegt darin, dass an die Wasserleitung anliegende Steine im Sandbett im Lauf der Zeit so viel punktuellen Druck auf das Material aufgebaut haben, dass die Leitung unvermittelt geborsten ist. Deshalb werden bei allen angefragten Wasserversorgern diese Leitungen Zug um Zug durch GGG-Leitungen ersetzt."

Der DVGW, bei dem das Wasserwerk Kirchseeon Mitglied ist, führt eine bundesweite Netz- und Schadensstatistik von Wasserleitungen. Danach liegt die Schadenshäufigkeit von PVC-Wasserleitungsrohren in den letzten Jahren gerade mal halb so hoch wie der Durchschnitt über alle anderen Werkstoffe und Einbaujahre, d.h. die behauptete hohe Schadensanfälligkeit von PVC-Rohren kann der DVWG nicht bestätigen. Daher rät er auch nicht zu einem vorsorglichen Austausch von PVC-Leitungen.

Auch die Nachbargemeinden Ebersberg und Grafing sowie das gKU VE München Ost in Poing, das 7 Gemeinden im Westen des Landkreises von Zorneding bis Kirchheim versorgt, konnten von keiner erhöhten Schadenshäufigkeit berichten. Sie denken daher auch nicht daran, PVC-Rohre vorsorglich auszutauschen. Auch vom Wasserbeschaffungsverband Eglharting ist solches nicht bekannt.

Rohrbrüche an PVC-Wasserleitungen gab es hingegen beim Zweckverband Erding-Ost. Diese standen aber im Zusammenhang mit einer Druckerhöhung im Leitungsnetz. Durch den Einbau eines Druckminderers statt einer Leitungserneuerung sollen die Probleme gelöst werden.

In den letzten Jahren verursachten auch zwei Leitungsbrüche an PVC-Wasserleitungen im Bereich des Technoparks Grasbrunn Aufsehen, deren Ursachen nicht geklärt werden konnte. Zwar erfolgte eine rasche Alarmierung, da aber keine automatisch schließenden Ventile oder Durchflussbegrenzer eingebaut waren, kam es wegen der langen Anfahrtsdauer der Techniker zur Überflutung von Kellern. Da Materialfehler in den PVC-Rohren vermutet werden, werden die PVC-Rohre im Leitungsnetz, in dem auch noch Rohre aus der Vorkriegszeit vorhanden sind, nach und nach ausgetauscht.

Überflutungen von Kellern oder Schäden an der Infrastruktur sind in Kirchseeon beim Bruch der PVC-Wasserleitung nicht zu befürchten, weil diese durch einen Wald verläuft. Beim testweisen Freilegen der Leitung vor einigen Wochen zeigte sich zudem, dass sie in einer ordnungsgemäßen Sandbettung verlegt wurde. Eine Gefahr einer punktuellen Belastung durch einzelne Steine besteht daher nicht. Ein rasche Erneuerung der noch nicht abbezahlten PVC-Leitung wäre daher nicht geboten, zumal ein DVGW-Forschungsprogramm schon 2017 ergeben hat, dass bei ordnungsgemäß eingebauten PVC-U-Rohrleitungen eine technische Nutzungsdauer von 80 Jahren zu erwarten ist.

Die seit den 1990er Jahren bestehende Strategie des Wasserwerks zur Erneuerung von Wasserleitungen zeitlich weit vor Ende ihrer wirtschaftlichen Nutzungsdauer hat dazu geführt, dass die Wasserpreise beim Wasserwerk Kirchseeon ein Mehrfaches der Wasserpreise der Wasserbeschaffungsverbände Buch und Eglharting betragen (die ehrenamtliche Mitarbeit der "Wassergenossen" erklärt die Differenzen in den Wasserpreisen nicht). Ein "weiter so" führt zwangsläufig zu noch höheren Preisen, insbesondere wenn noch Aufgaben wie die millionenteure Notversorgung zu bewältigen sind.

Dieser Artikel ist eine fortgeschriebene Fassung der in der Zeitschrift "Der Oberbayer", Heft Oktober 2020, erschienenen Erstversion. Artikel mit lokalem Bezug aus dieser Zeitschrift werden mit ein paar Wochen Verzögerung an dieser Stelle abgedruckt. Den Beitrag in der aktuellen Ausgabe finden Sie auf der Seite https://www.kirchseeon-intern.de/der-oberbayer.htm oder auf "Der Oberbayer"