Platzmangel im Landkreis
Mitte des 19. Jahrhunderts lebten auf der Fläche des heutigen Landkreises Ebersberg nur etwa 20.000 Menschen. In der Volkszählung des Jahres 1900 wurden gerade mal 25.000 Einwohner ermittelt. In den darauf folgenden 50 Jahren verdoppelte sich die Einwohnerzahl und die nächste Verdopplung brauchte nur noch knapp 40 Jahre. Heute drängen sich im flächenmäßig eher kleinen Landkreis Ebersberg mehr als 140.000 Menschen, rund 265 Einwohner teilen sich im Durchschnitt einen Quadratkilometer.
Zusammen mit den anderen Landkreisen im Ballungsraum München und dem Oberland gehört der Landkreis Ebersberg zu denjenigen in Bayern mit dem stärksten Bevölkerungszuwachs in den letzten 150 Jahren. Weitaus geringer - oder teilweise sogar negativ - war das Bevölkerungswachstum in einigen Gegenden Niederbayerns, der Oberpfalz und weiten Teilen Frankens.
Alle diese vielen und künftig wohl noch mehr Menschen brauchen Wohnraum und Arbeitsplätze und wollen versorgt werden. Die Begrenzung des "Verbrauchs" von Natur- und landwirtschaftlichen Flächen für Siedlungs- und Verkehrszwecke bei gleichzeitiger Gewährleistung gleichwertiger Lebens- und Arbeitsverhältnisse in den sich sehr unterschiedlich entwickelnden Teilen Bayerns wird daher schon lange politisch kontrovers diskutiert.
Die CSU und die Freien Wähler haben daher im Koalitionsvertrag 2018-2023 eine "deutliche und dauerhafte" Senkung des Flächenverbrauchs verabredet:
"Wir bekennen uns zum Ziel der Bundesregierung, bis 2030 den Flächenverbrauch auf bundesweit unter 30 ha pro Tag zu reduzieren. Auch in Bayern wollen wir sorgsamer mit der Fläche umgehen. Wir werden daher in Bayern eine Richtgröße für den Flächenverbrauch (Siedlungs- und Verkehrsfläche) von 5 ha je Tag im Landesplanungsgesetz anstreben."
Diese 5 ha sind der vom Umweltbundesamt ermittelte Anteil Bayerns an der bundesweiten Richtzahl von 30 ha pro Tag. Tatsächlich beträgt der Flächenverbrauch für Siedlungs- und Verkehrsflächen in Bayern derzeit ca. 10 ha pro Tag. Da statistisch zu den Siedlungs- und Verkehrsflächen auch Sport-, Freizeit- und Erholungsflächen, Versorgungsanlagen sowie Friedhöfe oder Freiflächenphotovoltaikanlagen gehören, ist nur etwa die Hälfte der Siedlungs- und Verkehrsfläche tatsächlich versiegelt.
Derzeit werden knapp 13% der 550 km2 Landkreisfläche für Siedlungs- und Verkehrsflächen genutzt, wobei es erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Gemeinden gibt. Im eher landwirtschaftlich geprägten Südosten beträgt der Anteil der Siedlungs- und Verkehrsflächen meist unter 10 % der Gemeindefläche, im dicht besiedelten Nordwesten und entlang der S-Bahn-Achsen sind oft 25-35 % "zugebaut".
Eine Reduzierung des Flächenverbrauchs ist schnell gefordert, oft auch gerade von jenen, die für Projekte des Klimaschutzes und der "Energiewende" die Privilegierung des Bauens im Außenbereich immer noch weiter ausdehnen wollen. Wie das Flächensparen aber konkret für jeden Ort und jeden Landkreis angesichts der sich sehr unterschiedlich entwickelnden Teile Bayerns aussehen kann oder muss, darüber gehen die Meinungen weit auseinander.
So stellt sich das Landratsamt im "Aktionsprogramm 2030 für die nachhaltige Entwicklung des Landkreises Ebersberg" vor, "auf gemeindlicher Ebene Zielmarken für die Flächeninanspruchnahme ab[zu]stimmen (z. B. in qm je Neubürger und Arbeitsplatz)".
Die Bayerische Staatsregierung lehnt hingegen eine "Bevormundung kommunaler Entscheidungsträger durch starre Flächengrenzen auf Gemeindeebene" ab, weil sie einen "Ausgleich zwischen der erforderlichen Reduzierung der Flächeninanspruchnahme einerseits und wichtigen weiteren Anliegen wie der Schaffung gleichwertiger Lebens- und Arbeitsverhältnisse oder der Schaffung bezahlbaren Wohnraums" erreichen will. Vielmehr sollen "Gemeinden künftig den Bedarf neuer Baugebiete nach einheitlichen Kriterien darlegen und die entstehenden Folgekosten darstellen müssen".
Aus den Daten des Statistischen Landesamtes zu den Zuwächsen der Siedlungs- und Verkehrsflächen im Landkreis in den letzten 30 Jahren ergibt sich, dass in den 1990er und 2000er Jahren jedes Jahr immense 200-400 Hektar zugebaut wurden. Bis Mitte der 2010er Jahre ging der Zuwachs auf etwa 50 Hektar pro Jahr zurück und hat sich seither auf die Hälfte und noch darunter verringert.
Trotz dieser deutlichen Reduzierung müsste sich der Landkreis aber noch erheblich anstrengen, um das 5-ha-Ziel der Staatsregierung zu erreichen. Denn bei proportionaler Umrechnung der bayernweiten 5 ha/Tag auf die Fläche des Landkreises "stünde" diesem nur ein Flächenverbrauch von rund 14 ha pro Jahr "zu".
Wie groß diese Herausforderung ist, kann man schon daran erkennen, dass allein der vom Kreistag beschlossene "Meilensteinplan" für einen fossil-energiefreien Landkreis bis zum Jahr 2030 für die geplanten 126 Photovoltaik-Freiflächenanlagen und 33 Windmühlen einen Flächenverbrauch von rund 100 Hektar beinhaltet. Ist das Ende des Wachstums im Landkreis erreicht oder sind die Zielkonflikte nicht lösbar?
Dieser Artikel ist eine fortgeschriebene Fassung der in der Zeitschrift "Der Oberbayer", Heft September 2020, erschienenen Erstversion. Artikel mit lokalem Bezug aus dieser Zeitschrift werden mit ein paar Wochen Verzögerung an dieser Stelle abgedruckt. Den Beitrag in der aktuellen Ausgabe finden Sie auf der Seite https://www.kirchseeon-intern.de/der-oberbayer.htm oder auf "Der Oberbayer"