Vom Wasser – Fakten und Mythen - Teil 1: Ohne Wasser geht es nicht – Was tun im Notfall?
In der Niederschrift der Gemeinderatssitzung vom 31.03.2003 ist zum Beschluss Nr. 107 über den Wirtschaftsplan 2003 des Wasserwerks Kirchseeon vermerkt: „Der Vorsitzende [gemeint ist Bürgermeister Ockel] wies noch darauf hin, dass auch für das Wasserwerk ein Notfallplan erstellt werden muss, der u. a. einen Notverbund mit anderen Wasserwerken und verschiedene sicherheitstechnische Maßnahmen vorsieht.“
Auch heute, nach inzwischen zwei Amtsperioden von Bürgermeister Ockel, hat das gemeindliche Wasserwerk immer noch keinen Notverbund mit einem anderen Wasserversorger.
Die Gefahren für die Trinkwasserversorgung von rund 8000 Menschen in Kirchseeon sind aber seit 2003 nicht geringer geworden:
- Ein Gefahrgutunfall auf der nahen Eisenbahnstrecke, wo jeder 5. Güterwaggon giftige, krebserzeugende, brennbare, radioaktive oder explosionsfähige Chemikalien geladen hat, kann unversehens zur Gefahr für die Brunnen werden
- Bakterielle Verunreinigungen der Pumpen und Hochbehälter können die Zwangsstilllegung der Wasserversorgung erforderlich machen - die Wasserbeschaffungsverbände (WBV) Eglharting und Buch haben bereits solche Erfahrungen machen müssen
- Der Einsatz von Pestiziden oder Düngemitteln auf landwirtschaftlichen Flächen im Umfeld der Brunnen kann zur Kontamination des Grundwassers und Überschreiten der Schadstoffgrenzwerte im Trinkwasser führen.
- Eine große Unsicherheit stellen auch die Förder- und Schluckbrunnen, die zur Sanierung des verseuchten Grundwassers im ehemaligen Schwellenwerk errichtet wurden und noch viele Jahre betrieben werden müssen, dar. Die geologische Situation ist komplex, wasserführende Schichten wechseln sich mit wasserundurchlässigen ab; wie sich dieses System verhält, wenn aus einer Schicht über lange Zeit kontaminiertes Wasser abgepumpt und woanders wieder eingespeist wird, wird man erst in der Zukunft sehen. Niemand hofft es, aber es kann nicht sicher ausgeschlossen werden, dass langfristig kontaminiertes Grundwasser in Richtung der Brunnen abgedrängt wird und letztlich das Wasser in Einzugsbereich der Brunnen mit den Teerölen des Schwellenwerks verunreinigt wird.
Solche Sorgen plagen aber nur diejenigen, die an das gemeindliche Wasserwerk angeschlossen sind; die Mehrheit der Eglhartinger ist hingegen Mitglied des WBV Eglharting, der schon seit 1968 im Notfall über eine Verbindungsleitung im Feldweg vom Wasserwerk Kirchseeon versorgt werden kann – diese Notversorgung wird vom WBV auch regelmäßig in Anspruch genommen, zahlen tut er aber für das Wasser weniger als jeder andere Kunde des Kirchseeoner Wasserwerks. Das ist mit ein Grund, weshalb das WBV-Wasser nur halb so teuer wie das Wasserwerk-Wasser ist.
Es liegt daher nahe, die Wasserversorgungsanlagen des WBV Eglharting so auszubauen, dass eine gegenseitige Notversorgung mit dem Wasserwerk Kirchseeon auch über eine längere Zeitdauer möglich wäre.
In der Gemeinderatssitzung vom 25.02.2013 lehnten es jedoch Bürgermeister Ockel und die Mehrheit der Gemeinderäte (darunter auch die Mitglieder des WBV Eglharting, die sich an der Abstimmung gar nicht hätten beteiligen dürfen) ab, beim Landratsamt Ebersberg einen Antrag auf Auflösung des WBV Eglharting zu stellen, um den Weg für eine wechselseitige Notversorgung frei zu machen und gleichzeitig eine einheitliche Wasserversorgung in Kirchseeon und Eglharting zu schaffen.
Stattdessen streben Bürgermeister Ockel und Werksleiter Robert Ess nun scheinbar einen Notverbund mit dem gKU VE München Ost (ehemals „Zornedinger Gruppe“) an. Konkrete Schritte dazu sind aber nicht bekannt; ebenso wenig, bis wann das Vorhaben abgeschlossen sein soll.
Für den Anschluss an das gkU-Netz wäre der Bau einer mind. 1,5 km langen Wasserleitung zur gKU-VEMO-Hauptleitung zwischen dem Hochbehälter in Buch und Zorneding erforderlich. Die Millionen-Kosten für eine solche lange und große Leitung wären wohl allein von den Kunden des Wasserwerks zu tragen: obwohl auch der WBV Eglharting von der Erhöhung der Versorgungssicherheit profitieren würde, gibt es nur begrenzte Möglichkeiten, den WBV Eglharting zur Mitfinanzierung heranzuziehen.
Der WBV Eglharting wurde im Jahr 1951 als öffentlich-rechtliche Körperschaft vom Landratsamt Ebersberg geschaffen; der WBV Eglharting ist als sogenannter „Wasser- und Bodenverband“ ein Teil der öffentlichen Verwaltung und somit eine Behörde. Der WBV ist daher keine Genossenschaft, wie irreführend oft behauptet wird. Der WBV bekam 1951 das Leitungsnetz nebst Hochbehälter, die seit den 1890er Jahren in Gemeindebesitz waren, von der Gemeinde geschenkt. Seitdem zahlt der WBV auch keine Pacht für die von ihm genutzten gemeindlichen Grundstücke.
Im Wasserverbandsgesetz wird bestimmt, dass der WBV Eglharting nur zum Eigennutz der Mitglieder, nicht aber zum Wohl der Gesamtgemeinde handeln darf. Daher ist im Gesetz auch ausdrücklich vorgesehen, dass das Landratsamt den Verband auflösen kann, wenn dies im öffentlichen Interesse ist.
Im neugewählten Gemeinderat sind 6 (bisher 5) Gemeinderät/inn/en vertreten, die Mitglieder des WBV Eglharting sind. Es stellt sich immer drängender die Frage, ob diese Gemeinderäte wie bisher ihr Eigeninteresse an möglichst billigem Wasser über als Allgemeininteresse an einer fairen und gleichen Lastenverteilung in einer gemeinsamen Wasserversorgung mit einheitlichen Wasserpreisen für Kirchseeon und Eglharting stellen wollen. Klar ist jedenfalls, dass nur dann eine Chance besteht, die zwischen Kirchseeon und Eglharting bestehenden uralten Gräben überwinden zu können, wenn nach 60 Jahren die Wasserversorgung in Eglharting wieder zurück in Gemeindehand überführt wird und eine einheitliche, gemeinsame Wasserversorgung geschaffen wird.
Dieser Artikel ist eine fortgeschriebene Fassung der in der Zeitschrift "Der Oberbayer", Heft Mai 2014, erschienenen Erstversion. Artikel mit lokalem Bezug aus dieser Zeitschrift werden mit ein paar Wochen Verzögerung an dieser Stelle abgedruckt. Den Beitrag in der aktuellen Ausgabe finden Sie auf der Seite https://www.kirchseeon-intern.de/der-oberbayer.htm oder auf "Der Oberbayer"