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Wissenswertes aus und über Kirchseeon

Januar 2014
Logo der Bürgergruppe für Lärmschutz an der Bahn in den 1990er Jahren beim S-Bahn-Ausbau
Logo der Bürgergruppe für Lärmschutz an der Bahn in den 1990er Jahren beim S-Bahn-Ausbau

Neues zum sechsgleisigen Ausbau der Eisenbahnstrecke München-Rosenheim durch Kirchseeon

Mit dem abgebildeten Logo warb die Bürgergruppe für Lärmschutz an der Bahn in Kirchseeon Anfang der 1990er Jahre bei einer Unterschriftensammlung für ihre Forderung nach einer „Tunnel-Graben-Lösung“ beim damaligen viergleisigen Ausbau. 20 Jahre später geht es nicht mehr nur um 4 Gleise, sondern um sechs Gleise quer durch den Ort.

Am 5. Dezember 2013 lud der Bundestagsabgeordnete Ewald Schurer (SPD) zu einem „Fachgespräch zum Brenner-Zulauf und die Auswirkungen auf den Landkreis Ebersberg“ nach Grafing ein – Fachleute waren jedoch nicht zugegen. MdB Schurer erläuterte, dass in Vaterstetten, Zorneding, Kirchseeon, Grafing und Aßling zwei zusätzliche Gleise für Güterzüge geplant seien und forderte: „Lärmschutz darf keine untergeordnete Nebenrolle einnehmen, sondern muss eine zentrale Mittelpunktfunktion jeglicher Ausbaupläne besetzen!“. Er appellierte an die anwesenden Bürgermeister Rudolf Heiler, Udo Ockel und Piet Mayr aus Grafing, Kirchseeon und Zorneding, ihre Forderungen gegenüber Bund und Bahn deutlich zu artikulieren, war aber gleichzeitig der Auffassung, dass es keine Tunnels geben werde.

Wie denn aber Kirchseeon und seine Bevölkerung sonst wirksam vor dem Lärm einer mitten durch den Ort führenden sechsgleisigen Bahntrasse, auf der dann jede Minute ein Zug vorbeifährt und ratternde, schrottreife Güterzugwaggons einen 24-stündigen Dauerlärm wie im Mittelrheintal produzieren, geschützt werden könnte, ließ MdB Schurer offen. Auch blieb er eine Antwort auf die Frage schuldig, ob und wie denn die Bevölkerung vor den potentiell tödlichen Auswirkungen eines Unfalls mit Gefahrgütern, der jederzeit wenige Meter von einem Wohnhaus entfernt passieren könnte, überhaupt geschützt werden könne. Denn jeder fünfte Güterwaggon hat entweder explosive, brennbare, radioaktive, giftige oder krebserzeugende Gefahrstoffe geladen – und wie Viareggio und Kanada zeigen, gibt es im Unglücksfall meist keine Rettung für die Anwohner, sondern in weitem Umkreis nur zahlreiche Tote und Verletzte.

Die Bürgergruppe für Lärmschutz an der Bahn hat in einer Stellungnahme MdB Schurer darauf hingewiesen, dass in Kirchseeon nur durch umfangreiche Enteignungen privater Wohngrundstücksbesitzer und Abriß einiger Wohnhäuser Platz für zwei weitere oberirdische Gleise geschaffen werden könnte. Denn zwei weitere Gleise benötigen einen Streifen von ca. 10-15 m Breite nördlich und/oder südlich der bestehenden 4 bzw. 5 Gleise; zudem müßten für die geplante Ausbaugeschwindigkeit von 230 km/h die Kurvenradien auf Höhe der Ahornstrasse und an der Moosacher Brücke auf mehr als 3 km vergrößert werden. Aus bautechnischen Gründen kämen die zwei zusätzlichen Gleise dann am wahrscheinlichsten vorwiegend auf der Nordseite der Bestands­trasse zu liegen, wobei die Bestandsgleise im Bereich der Ahornstrasse etwas nach Süden verschoben würden. Grundstücksenteignungen wären dann im Bereich der Kleingärten an der Pöringer Straße, am Eglhartinger Bahnhof, an der Ahorn-, Rotbuchen- und Koloniestrasse, an der Kleingartenanlage an der Wasserburger Strasse, am eben erst von der Gemeinde erworbenen ehem. „Kern“-Grundstück sowie im Bereich des Sportplatzwegs erforderlich. Bei diesem Konzept wären Gebäudeabrisse im Bereich Ahornstrasse, Koloniestrasse sowie am Sportplatzweg erforderlich. Das Bahnhofsgebäude müßte ebenfalls abgerissen werden; die von der Gemeinde auf dem ehem. „Kern“-Grundstück geplante Musikschule könnte wohl nicht errichtet werden. Weitere Grundstücksabtretungen südlich der Bahnlinie im Bereich des Eglhartinger Wegs und der Moosacher Straße wären nicht auszuschließen.

Angesichts solch gravierender Eingriffe in den Grundstücks- und Gebäudebestand geht es für Kirchseeon nicht um etwas mehr oder weniger Lärmschutz, sondern es geht um die Vertreibung und Absiedlung zahlreicher Kirchseeoner Bürger. Die Erfahrungen, die die Bürgergruppe für Lärmschutz an der Bahn beim viergleisigen Bahnausbau in den 1990er Jahren sammeln mußte, geben leider nicht zu der Hoffnung Anlaß, dass sich der Gemeinderat diesmal für die Interessen der betroffenen Bürger energischer einsetzen wird. Jedenfalls scheinen dem seit 1990 im Gemeinderat sitzenden SPD-Bürgermeister­kandidaten Thomas Kroll die existentiellen Sorgen seiner Mitbürger nicht wichtig zu sein, denn er erwähnte im Dezember-Heft von kirchseeonerleben auf einer 3-seitigen Darstellung seiner politischen Ziele das Thema „Bahnausbau“ mit keinem Wort. Viele der Bahnanlieger können sich hingegen noch gut an jenen „originellen“ Vorschlag Krolls vom Frühjahr 2012 erinnern, mit dem er und die SPD-Fraktion den Bahnanliegern eine B304-„Ortsumfahrung“ entlang der Bahngleise zumuten wollte - als ob die Belastung der Anwohner durch die Bahn nicht bereits genug wäre.

Laut MdB Schurer steht dem Landkreis Ebersberg „die größte eisenbahntechnische Veränderung seit über hundert Jahren bevor“. Auch die Bürgergruppe für Lärmschutz an der Bahn sieht die Ausbaupläne der DB AG als gemeindeübergreifendes Problem an und hat sich daher mit einer Petition an den Kreistag gewandt, damit dieser folgende Entschließung faßt:

  1. Der Kreistag bittet die Bayerische Staatsregierung, sich beim Bund und bei der DB AG dafür einzusetzen, dass bei der Realisierung der Zulaufstrecke ein Standard verwendet wird, "der in den besiedelten Gebieten mindestens dem der bereits bestehenden Trasse zwischen Wörgl und Innsbruck entspricht" und durch geeignete Maßnahmen sicherzustellen, dass sämtliche Güterzüge auf dieser teilweise tunnelgeführte außerörtlichen Neubautrasse fahren und kein Güterzug mehr durch die Anliegerorte fährt, insbesondere nicht nachts – genau so, wie dies auch in Österreich vorgesehen ist.
  2. Der Kreistag bittet die Bayerische Staatsregierung, sich dafür einzusetzen, dass zu diesem Vorhaben eine ergebnisoffene Öffentlichkeitsbeteiligung unter Leitung eines Mediators durchgeführt wird und die DB AG und ihre beteiligten Töchter sich verbindlich verpflichten, sämtliche ihnen zu diesem Vorhaben vorliegenden Planunterlagen, Gutachten, Stellungnahmen, Finanzierungsunterlagen und sonstigen Umweltinformationen i.S.d. Art. 2 Abs. 3 Nr. 3 lit a und b Umweltinformationsgesetz (UIG) allen Antragstellern unverzüglich und vollständig zugänglich zu machen.

Landrat Niedergesäß sicherte eine Prüfung der Eingabe zu – eine Entscheidung des Kreistags vor den Kommunal- und Kreistagswahlen 2014 hat er aber nicht zugesichert.

Dieser Artikel ist eine fortgeschriebene Fassung der in der Zeitschrift "Der Oberbayer", Heft Januar 2014, erschienenen Erstversion. Artikel mit lokalem Bezug aus dieser Zeitschrift werden mit ein paar Wochen Verzögerung an dieser Stelle abgedruckt. Den Beitrag in der aktuellen Ausgabe finden Sie auf der Seite https://www.kirchseeon-intern.de/der-oberbayer.htm oder auf "Der Oberbayer"